Endlich war der Tag da. Morgen wäre sie dann auf ihrem Hof alleine.


In ihrem Mantel verhüllt, auf Sturm sitzend, kam sie in Begleitung von Jona im Dorf an.
Nach dem Besuch beim Ältesten hatten sie schnell alles besorgt, was sie brauchte. Sogar mit Glück versehen war der Kauf eines gebrauchten Leiterwagens, welchen sie zum halben Preis bekommen hatte. Martha und Jona brauchten ihren für den eigenen Umzug.
Auf dem Marktplatz war eine große Menschenansammlung, was Ehlina neugierig machte.
Jona erklärte ihr, dass heute Gerichtstag sei.
Darauf hörte sie eine schrille Männerstimme einen Preis brüllen.
„Was ist jetzt?“ wandte sie sich an ihren Begleiter.
„Der Vollstrecker gibt den Preis für die Freilassung bekannt.“
„Was heißt das?“
„Nun, die Leute auf dem Podest dort sind ordnungsgemäß verurteilt worden. Wenn die Familie oder sonst jemand an ihnen Interesse hat und den geforderten Geldbetrag bezahlt, werden die Verbrecher freigelassen.“
„Ein Sklavenhandel?“
„Sozusagen.“
„Und wenn niemand für sie bezahlt?“
„Dann werden sie hingerichtet.“
„Was für Verbrechen haben die Menschen denn begangen?“
„Verschieden. Der Mann dort ist, glaube ich, wegen Diebstahls angeklagt worden. Dort drüben steht seine Frau mit den Kindern, sehen sie?“
Sie verfolgte das fragwürdige Schauspiel. Der Vollstrecker schrie einen Preis von 18 Groschen. Gleich darauf fing die Frau in dem Meer von Kindern an zu schreien und zu klagen. Der Vollstrecker schrie einen neuen Wert von 16 Groschen. Nachdem keine Reaktion folgte, nickte er einem vermummten Mann am Ende der Holzplattform zu. Der griff nach dem Verurteilten und zog ihn in die Mittel der Plattform zu einem erhöhten Holzblock. Der Gefangene musste davor niederknien und der Vermummte ging zu einem Tisch, um daraufhin mit einem Beil zurückzukehren. Bei diesem Anblick stockte ihr der Atem. Die Familie des Mannes kreischte ohrenbetäubend. Ehlina suchte aus ihrem Lederbeutel die Groschen zusammen und eilte zu dem Vollstrecker. Sie zählte ihm die Stücke vor und gleich darauf wurde der Mann freigelassen.

Nun blickte sie sich näher um. Auf der Plattform standen weitere Personen. Alle gefesselt und teilweise mit Wunden von Schlägen eingedeckt. Sollten alle diese Menschen heute sterben? Was war das für ein grausames Schauspiel? Wer war so geldgierig, um aus dieser Notlage Kapital schlagen zu können? Sogar ein Kind befand sich unter der Menge, die auf seine Befreiung oder Hinrichtung wartete. Sie befand sich in einem inneren Konflikt. Eigentlich wollte sie diesem Treiben nicht zusehen, auf der anderen Seite war sie neugierig, wie dieser Menschenhandel ausging. Nach und nach füllte sich der Beutel des Vollstreckers und er schien damit zufrieden zu sein. Es standen nur noch wenige Menschen dort oben und nun fiel ihr besonders einer davon auf. Ein Mann, der an den Händen dicke Handschellen und an den Füssen eine Art Holzsteg trug. Sein Gesicht war nicht zu sehen. Sie hatten ihn so zusammengebunden, dass er mehr hockte, als stand. Sein Gesicht war gebeugt, sodass ihm das dichte blonde Haar übers Gesicht nach unten fiel. Er sah sehr kräftig aus, schien jedoch gebrochen zu sein, denn er lies keine Kraft mehr erkennen.
„2 Groschen!“
Das Geschrei des Vollstreckers holte sie wieder in die Wirklichkeit zurück. „1 Groschen!“
Was? Ein Groschen für ein Menschenleben und keiner zahlte? Sie sah zu dem Versteigerer hinüber und sah, wie er auf ein kleines Mädchen wies.
Darauf fing sie seinen Blick auf und er grinste sie bösartig an.
„Nun? Ihr habt auch für den Vater bezahlt? Wollt ihr das Kind seinem Schicksal überlassen?“
Ehlina sah sich um. Wo war die Familie hin, der sie den Vater zurückgekauft hatte? Sie waren verschwunden! Sie hatten das Kind einfach seinem Schicksal überlassen. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Gab es das wirklich? Ja! Alles war möglich heutzutage! Sie nickte dem Mann zu, der bereits seine Hand nach dem Groschen ausstreckte. Unsanft band der Henker das Kind los und stieß es von der Plattform, so das das Kind sie fast von den Beinen riss, als sie versuchte, es aufzufangen.
Klasse! Jetzt hatte sie die Verantwortung für ein kleines Wesen bekommen. Das Mädchen war vielleicht sechs, völlig verdeckt und furchtbar dünn. Suchend sah sie sich nach der Familie um, doch, leider, es war keiner da, an den sie das Kind hätte abgeben können. Sie atmete durch und versuchte das Beste darin zu sehen.
„Wie heißt du?“
„Kind.“
„Hast du keinen Namen?“
„Kind.“
„Aber, ich meine einen Namen wie Krysta oder so?“
„Schöner Name. Ich wollte immer einen Namen haben.“
„Na gut, dann nenne ich dich Krysta.“
„Bleibe ich jetzt bei dir?“
„Sieht so aus.“
„Was für ein schöner Tag. Muss ich sicher nicht mehr nach Hause?“
Ehlina schüttelte verstimmt den Kopf. Auf ein Kind war sie nicht vorbereitet. Vielleicht könnte sie es an Jona für ein wenig Geld weitergeben? Suchend sah sie sich nach ihm um, konnte ihn aber nirgends entdecken. Sie würde es später klären, tröstete sie sich vorerst. Nun würde sie erst einmal Jona und ihren Wagen suchen, um wieder Heim zu gelangen. Gerade als sie sich von dem Platz entfernen wollte, hörte sie die Stimme des Menschenverkäufers erneut. Was? Das war ja eine ungeheure Summe. Sie sah in seine Richtung, um zu sehen, für wen er eine solche Summe forderte. Auf der Plattform schien kein Mensch mehr zu stehen. Die Menschenmenge löste sich um sie auf und gab ihr den Blick auf die ganze Tribüne frei. Jetzt konnte sie sehen, dass nur noch der so fest verschnürte Mann übrig geblieben war.
„Nah? Wie ist es? Ihr habt heute bereits genügend Abfall gekauft? Wollt ihr diesen nicht auch noch nehmen?“
„Wozu?“
„Es ist ein kräftiger Mann, auch wenn er im Moment nicht danach aussieht. Aber – mit ein bisschen gutem Futter werdet ihr bestimmt einen brauchbaren Arbeiter aus ihm machen können.“
„Für 2 Goldtaler?“
„Gut, das ist ein stolzer Preis. Aber sein Verbrechen ist auch entsprechend.“
„Was hat er denn getan?“
„Er ist ein Mörder!“
„Und warum sollte ich ausgerechnet einen Mörder kaufen?“
„Er kann seinen Besitzer gut schützen. Im Grunde kauft ihr einen Krieger.“
„Für so viel Geld, wie es eine normale Familie nicht in zehn Jahren verdienen kann?“
Während der Vollstrecker überlegte, hob der Verurteilte seinen Kopf so weit nach oben, dass er ihr in die Augen sehen konnte. Automatisch drückte Ehlina das Kind fester an sich. Der Schmerz, der ihr aus diesen dunklen braunen Augen entgegenschlug lies ihr den Atem stocken. Gleichzeitig war er wie ein unsichtbares Band und ging ihr so tief ins Innere, dass sie sich völlig wehrlos fühlte. Es half nichts, dass sie sich vergegenwärtigte, einen Mörder vor sich zu haben.
„Einen Goldtaler! Mein letztes Wort.“
Sie zögerte einen Moment und der Mann ließ seinen Kopf wieder herabfallen. Sie konnte förmlich spüren, wie er seinen Tod in diesem Augenblick annahm.
„Also? Einen Goldtaler und ich gebe ihm noch seine Waffe wieder. Was ist nun Frau?“
„Und die Fesseln löst ihr auch ab?“
„Von mir aus, auch das und“ er lachte gehässig „eine Pferdedecke für seine Blöße lege ich noch drauf.“
Erst jetzt erkannte sie, dass der Mann außer mit einer Art Lendenschurz nicht bekleidet war. Vorsichtig ertastete sie einen Goldtaler aus dem Beutel um ihren Hals, womöglich würde der Preis wieder steigen, wenn der Händler gewahr wurde, dass sie einen vollen Beutel hatte.
Nachdem sie bezahlt hatte, winkte er den Henker herbei. Mit brutaler Gewalt brach der die Handschellen, Ketten und Fußfesseln auseinander. Sogleich färbte Blut das Holz der Plattform. Darauf holte er eine riesige Axt vom Tisch und schmiss sie neben den Mann. Wahrscheinlich, so mutmaßte sie, hätten sie das Beil anschließend gesondert versteigert. Es flog eine alte Pferdedecke daneben und der Henker machte sich mit einem grimmigen Gesichtsausdruck davon. Zu ihrer Verwunderung reichte der Vollstrecker ihr eine Lederrolle und verabschiedete sich mit einem süffisanten Grinsen.
Der Mann stand schwankend da und ließ weiterhin seinen Kopf sinken.
Zaghaft musterte sie ihn. Ein wahrer Riese! Er war mindestens 1,90 Meter groß, kräftig gebaut und unter dem Blut und dem Schmutz waren seine Muskeln zu erkennen. Er sah aus wie ein Krieger, auf jeden Fall aber, wie ein Mann, der schwere körperliche Arbeit gewohnt war. Sogar seine Beine waren durchtrainiert. An einem Fuß fehlte ihm der kleine Zeh und die Wunde sah frisch aus. Ob sie ihm den erst in dieser Gefangenschaft abgetrennt hatten? Seine Haare waren blond, lang und störrisch. Sie waren verklebt und hingen in dicken Strähnen um seinen Kopf. Die Hälfte von seinem Gesicht verbarg ein dicker Bart, der an zwei Seiten kleine geflochtene Zöpfe zeigte. Die Augen hatte er gesenkt und so konnte sie nur eine markante Nase sehen, die dem Gesicht einen harten, unzugänglichen Ausdruck verlieh. Hätte sie nicht zuvor in seine gequälten Augen gesehen, nie hätte sie sich dazu verleiten lassen, einen solchen Mann zu wählen.
Zu wählen? Ja? Was machte sie denn jetzt überhaupt mit diesem Mann? Musste sie ihn ebenso mitnehmen wie das Kind? Käme er überhaupt mit? Wollte sie das überhaupt? Die Überlegungen kamen zu spät. Also, was half es. Es würde sich von selbst entscheiden! Wenn er kurz nach dem Dorf verschwand, würde sie ihn nicht daran hindern. Könnte sie auch gar nicht.