Bernd war total erschüttert und wusste nicht, was er sagen sollte.
In diesen wenigen Wochen hatte sie schon wieder so viel erlebt. Er schluckte schwer. Das waren die Wunden des Lebens und für Kathe waren es in einem Monat gleich drei schwerwiegende Verluste gewesen. Sie war hierher geflohen und bemühte sich, die ganze Zeit ein normales Leben zu führen, aber im Grunde ging es ihr noch viel schlechter, als an dem Tag an dem sie nach Italien geflohen war. Sie war kein Nazist, sie war nur völlig einsam. Daran änderte weder Lady noch Hans etwas. Und der Hitzkopf hatte sie so überrollt, heute hatte sie zum ersten Mal über ihre Qualen berichtet, das war sicher.
In diesem Moment hasste er Hans.
Er hatte geglaubt, dass Kathe Hans liebte, aber wahrscheinlich konnte sie sich nur nicht gegen ihn wehren. Gegen sein Temperament, diesen festen Willen, wenn er etwas haben wollte. Es könnte auch sein, dass sie die körperliche Beziehung für eine Zeitspanne betäubte.
Bestürzt stellte er fest, dass sie ihnen allen die ganze Zeit etwas vorgemacht hatte. Seit er sie vom Flughafen abgeholt hatte, musste sie innerlich leer gewesen sein. Sie hatte ihr Leben hier wieder aufgenommen, ohne eigentlich da zu sein. Sicher hatte es kleine Aufhellungen gegeben, wie an dem Abend, an dem sie über das Spiel gesprochen hatten. Oder sie sich mit ihrer Fürsorge um die Männer und das Kochen abgelenkt, aber ansonsten müsste diese Woche an ihr vorbeigegangen sein.
Er streichelte ihr Haar und begann vorsichtig:
„Dass Thor weg ist, hat dir schon zugesetzt?“
„Sicher! Er war ein Bezugspunkt vor den Ereignissen – weißt du, was ich meine? Ich war sehr froh, dass du den Abend hier warst und es mir erklärt hast. Es hat mich beruhigt, zu wissen, wo er jetzt ist. Ich konnte mich nicht mal von ihm verabschieden, für mich meine ich.“
„Er war mehr Bob, als Lady es sein kann.“
„Ja.“
„Liebst du Hans?“ wagte er zu fragen.
„Er glaubt, er liebt mich“, antwortete sie.
„Ja“, sagte Bernd. Er wusste genau, was Kathe damit sagen wollte.
„Du weißt mehr über mich, als jeder andere Mensch“, sagte Kathe zaghaft.
„Ich freue mich darüber, dass du mir so vertraust.“
„Hältst du mich im Stillen für eine total exentrische dumme Frau?“
„Nein.“
„Du kannst immer noch von dir sagen, dass du mein Freund bist, auch wenn du meine Abgründe kennst?“
„Das kann ich. Ich hoffe nur, dass du bei neuen Sachen gleich zu mir kommst und wir darüber reden, bevor du versuchst, es zu verdrängen. Du bist zu sensibel dafür, es wird dich auffressen. Versprichst du es mir?“
„Ich möchte dich nicht als Müllplatz missbrauchen“, sagte sie ernst.
Bernd lächelte ein wenig.
„Und wie soll ich dann mal den Mut finden, dir meine Sorgen zu erzählen, wenn du mir deine nicht erzählst? Im Moment ist es eben so, dass du viel mehr belastet bist, wie ich, aber, das kann sich schnell ändern. Versprich es mir!“
„Ja, gut, ich verspreche es dir“, antwortete Kathe ehrlich.
Nach einer kleinen Pause setzte sie nach, „du musst es mir aber auch versprechen.“
„Natürlich!“
„Nein, nicht so dahingesagt. Du hast mir immer noch nicht alles erzählt, was dich belastet.“
„Was meinst du denn?“
„Du hast vorhin gesagt, es gäbe da noch etwas anderes.“
„Ich weiß wirklich nicht, was du im Moment meinst?“
„Dass die Verbindung mit Dagmar nicht soweit ist, dass du dir für eine Ehe sicher genug bist. Die Dauerhaftigkeit, wegen Heike. Und dann hast du gesagt, es gäbe da noch etwas anderes.“
Bernd hielt sie fester. Wie aufmerksam sie ihm zugehört hatte? Sollte er es ihr erzählen? Wäre dies ein passender Zeitpunkt dafür?
„Siehst du, Bernd, so einfach, ist das nicht immer. Aber, ich werde warten, bis du es mir erzählen willst. Der Zeitpunkt ist vielleicht jetzt nicht so glücklich. Aber, auch wenn ich nicht dauernd nachbohre, vergessen tue ich es nicht.“
„Ja, ich weiß. Ich traue mich nicht, es ist so wichtig für mich...“
Weiter kam er nicht denn Hans tobte um die Ecke.
„Wou – was herrscht denn hier für eine Grabesstimmung“, riss er sie aus ihren Gedanken brutal heraus.
Er griff nach dem Buch und schmunzelte. „Kein Wunder, wenn ihr euch mit den Dramen von Shakespeare beschäftigt, da muss man ja schwermütig werden. Was haltet ihr davon, wenn ich erstmal dusche und wir dann bei Heiner anrufen. Ich hätte Lust heute Abend Monopoly zu spielen?“
„Ich weiß nicht, ob ich das Spiel da habe“, sagte Kathe halb weggetreten.
„Aber ich! Es liegt noch im Auto. Bernd ruf du doch gleich bei Heiner an, ich mache mich rasch fertig.“
Und schon war er verschwunden, ohne abzuwarten, ob die beiden Lust zum Spielen hatten.
„Und was meinst du?“ fragte Bernd traurig.
„Es ist gar keine schlechte Idee“, dann lächelte sie ein wenig. „Auf jeden Fall ertrage ich ihn alleine nicht heute Abend.“
Bernd lachte fröhlich. „Könnte ich auch nicht jetzt. Heiner bringt mehr Ruhe in den Abend. Also – beschlossen?“
„Ja – beschlossen!“
So rief Bernd bei Heiner an, der sich freute, nicht vor dem Fernseher sitzen zu müssen. Kathe ging in die Küche und machte belegte Brote. Heiner brachte Bier mit und für Kathe ein Alster. So saßen sie draußen in trauter Runde.